Verfasst von: derfreiebuerger | 8. Oktober 2015

Die neue Völkerwanderung und ihre Ursachen

„Flüchtlingskrise“ ist ein irreführender Begriff. Denn eine „Krise“ geht auch wieder vorbei – sie ist vorübergehender Natur. Was wir derzeit erleben, wird uns hingegen noch sehr lange beschäftigen.

Was wir ebenfalls erleben, ist die Planlosigkeit der Politik. „Wir schaffen das!“ ist eindeutig zuwenig. Vor allem, nachdem man jahrelang versucht hat, das „Problem“ durch Abschottung zu „lösen“. Dabei hätte einem schon vor Jahren jeder Experte sagen können, dass sich eine Völkerwanderung zwar verlangsamen, behindern, abdrängen, erschweren lässt – aber niemals verhindern.

Warum haben sich die Politiker dann nicht hingestellt und dem Volk gesagt: Es ist eine ernste Zeit. Hier kommen Ursachen zum Tragen, die wir in der westlichen Welt weitgehend selbst zu verantworten haben. Jetzt müssen wir damit klarkommen. Das wäre ehrlich gewesen.

Aber dann hätte man auch zugeben müssen, dass sehr vieles auf den Prüfstand gestellt werden muss. Dann müste man auch Fehler zugeben.

Gott habe uns „das Thema Flüchtlinge auf die Tagesordnung gesetzt“, behauptet z.B. Kardinal Marx: http://bit.ly/1Rvh1vq Das ist theologischer Nonsens. Der Mensch hat es sich selbst auf die Tagesordnung gesetzt.

Was löst die Fluchtwelle aus? Da gibt es diverse Baustellen gleichzeitig, von denen jede für sich brisant genug wäre:

  • die Kriege westlicher Mächte im Nahen Osten und Nordafrika. Vorgeblich geht es um den Sturz von Diktatoren und die Einführung der Demokratie, in Wahrheit um Rohstoffe und Macht – bestens analysiert durch Michael Lüders http://www.michael-lueders.de. Da bei diesen Eingriffen immer zahllose Zivilisten ums Leben kommen, bezeichnet Jürgen Todenhöfer sie als „Terrorzuchtprogramme“ – siehe IS. Der verstorbene Peter Scholl-Latour sprach vom Öffnen der „Büchse der Pandora“.
  • die Waffenlieferungen in Krisenregionen – besonders betrieben von „christlichen“ Parteien. Damit heizt man die Konflikte weiter an, vor denen dann Menschen flüchten müssen.
  • der viel gelobte „Freihandel“, der unterentwickelte Staaten in ausweglose Abhängigkeit bringt. Ulrike Herrmann analysiert das in der taz: http://www.taz.de/!5232702/ Jahrzehnte zuvor hatte man dieselben Staaten in die Schuldenfalle gelockt. Schon vergessen?
  • die Export – und Fischereipolitik der EU: Westafrikas Meere werden leer gefischt, die Fischer wandern aus. Einheimische Märkte werden durch (zollfreie!) Importe hoch subventionierter Lebensmittel aus Europa kaputtkonkurriert – Auswanderung! „Die Flüchtlinge holen sich nun etwas von dem Speck zurück, den wir uns angefressen haben“, schreibt der Psychiater Hans-Joachim Maaz http://bit.ly/1QXsUKe
  • Landraub: Westliche Konzerne beteiligen sich weltweit an Landkäufen in großem Stil, die Kleinbauern werden vertrieben.
  • Kolonialismus: Hinzu kommen die Altlasten der Geschichte: Einheimische Sozial-und Wirtschaftsstrukturen wurden zerstört, ärmere Länder als bloße Rohstofflieferanten missbraucht.
  • Kapitalismus: Nichts gegen die Marktwirtschaft an sich. Doch das gegenwärtige Geld- und Zinssystem (und das Fehlen einer gerechten Bodenordnung) führt dazu, dass die Reichen immer reicher werden – überall auf der Welt. Es führt zu Wachstumszwang und Umweltzerstörung, weil das Kapital gnadenlos Rendite sucht. Es führt zu Privatisierung von Wasser und anderen Gemeingütern. All das sind Fluchtursachen. Die Konzerne haben die Politik mehr und mehr im Griff.
  • Verschwendung und Raubbau: Die Konsumideologie führt zur Ressourcenverschwendung, denn nur so kann das Kapital das Wachstum aufrecht erhalten. Nahrungsmittel werden weggeworfen, die zum Teil in Entwicklungsländern hergestellt wurden und dort ebenfalls Kleinbauern verdrängt haben.
  • das Fehlen einer Alternative: Weshalb haben die Länder, die sich „christlich“ nennen, im Laufe der Jahrhunderte keine gerechte, solidarische, naturschonende Gesellschaftsordnung hervorgebracht, die Vorbild sein könnte? Die Kirchen haben statt dessen die Naturverachtung gelehrt und sich selbst bereichert – und Gegenentwürfe verketzert.
  • Klimwandel: Dieser Motor wird in den kommenden Jahrzehnten dafür sorgen, dass die Völkerwanderung noch zunehmen wird. Auch hier ist die westliche „Zivilisation“ maßgeblich beteiligt – nicht nur durch ihre CO2-Emissionen, sondern z.B. auch durch die industrialisierte Landwirschaft und den Fleischkonsum, die ein Höchstsmaß an Wasser, Erdöl, Boden, Wäldern verbrauchen und den Ausstoß an Treibhausgasen weiter steigern. Sogenannte „Schwellenländer“ (Brasilien, China) übernehmen das „Vorbild“ von „christlichen“ Nationen.

Die Aufzählung ist sicher unvollständig. Vereinzelt reden Politiker und Kirchenvertreter zwar davon, man müsse „die Fluchtursachen bekämpfen“. Aber an die hier benannten (und wie gesagt nur unvollständig aufgeführten) Baustellen wagt sich kaum jemand. Dann müssen es eben die freien Bürger tun.

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